Gravenbrucher Geschichte

Von 1299 bis heute.

Im Jahre 1299 wird der „Graue Bruch“ auf dem Hohen Berg – benannt nach dem dort vorkommenden gräulichen Trachyt-Gestein, etwa zwei Kilometer südöstlich des später errichteten Gravenbrucher Hofes – erstmalig namentlich als „Creyenbruch“ erwähnt.

Zu fast allen Zeiten waren solche Steinbrüche, insbesondere in Gegenden mit vorwiegend sandigen Böden, begehrt, da sie seltenes und teuer zu veräußerndes Baumaterial zur Verfügung stellten. Über viele Jahrhunderte hinweg war es zumeist nur dem gut betuchten Adel und reichen Kaufleuten möglich, teure Steingebäude zu errichten; solch ein Steinbruch stellte damit eine wichtige Einnahmequelle dar. Auch das Gravenbrucher Hofgut sowie das Heusenstammer Schloss (oder Schloss Schönborn) wurden mit Baumaterial aus dem nahegelegenen Steinbruch errichtet, wie das vorhandene Trachyt-Gestein an beiden Orten beweist.

Aufgrund einer fehlenden einheitlichen Rechtschreibung – die erst im ausgehenden 19. Jahrhundert Einzug hielt – sowie mangelnder einheitlicher Kartenwerke wechselte die Ortsbezeichnung oft ihre Schreibweise. Meist wurde die ursprüngliche Bezeichnung dialektisch verfremdet, falsch übermittelt oder gedeutet und in vielen unterschiedlichen Varianten festgehalten.

So nannte sich die Örtlichkeit 1401 „Krienbruch“ oder „Craenbruche“, 1405 „Creyenbruch“, 1437 „Kreyenbruch“, 1466 „Kreyenbruch“, 1467 „Creyen Bruch“, 1567 „Kreichenbruch“, 1590 „Grauen Bruch“, 1592 „Krauen Bruch“, 1595 „Creenbruch“, 1607 „Cravenbruch“, 1829 „Gräfenbruch“ und 1946 „Grafenbruch“. Im Jahr 1965 einigte man sich schließlich auf die auch heute noch gültige Schreibweise „Gravenbruch“ und verabschiedete sich von der zuletzt gebräuchlichen Form, die augenscheinlich auf die Eigentümer, die Grafen von Schönborn, verweisen sollte. Dieser Umstand verlieh auch dem Waldstück seinen Namen, womit die Waldung als „Schönborner Wald“ bezeichnet wurde.

Für 1477 ist für Gravenbruch erstmalig ein Besitzer vermerkt: Johann von Eppstein belehnte Martin von Heusenstamm mit einem Waldstück westlich von Heusenstamm. Der Junker Sebastian von Heusenstamm, Enkel des gleichnamigen Erzbischofs von Mainz (* 16. März 1508 in Frankfurt am Main; † 18. März 1555 in Eltville; Amtszeit vom 20. Oktober 1545 bis 17. März 1555), legte wahrscheinlich um 1586 im „Creyen Bruch“ einen befestigten Hof mit umgebendem Wassergraben an. Hiervon zeugen noch zwei erhaltene Schießscharten, links und rechts vom Torhaus. Der Hof Gravenbruch sollte fortan der Mittelpunkt einer eigenständigen Gemarkung werden und den Unmut des Grafen von Isenburg heraufbeschwören.

Während des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) verlor die Region durch Kriegswirren und Seuchen eine Vielzahl an Einwohnern, und die Bevölkerungszahlen gingen dramatisch zurück. Das protestantische Gelnhausen beispielsweise, damals unter der Pfandherrschaft von Hanau und der Kurpfalz, wurde 1634 durch kaiserliche Truppen geplündert, zerstört und komplett entvölkert.

Im Jahre 1661 gelangte der Hof an die Grafen von Schönborn, die fortan die Gemarkung prägten und eine Vielzahl an Spuren ihrer Herrschaft hinterließen, wie etwa zahlreiche Wappendarstellungen im historischen Teil des Gravenbrucher Hofs. Vor der Kaiserkrönung in der Freien Reichsstadt Frankfurt am Main im Jahr 1711 erhielt Franz Georg Reichsgraf von Schönborn (* 15. Juni 1682 in Mainz; † 18. Januar 1756 in Schloss Philippsburg, Ehrenbreitstein) den Auftrag, Kaiser Karl VI. in Barcelona die Nachricht von dessen Wahl zu überbringen. Hierfür wurde er mit dem Ritterorden des heiligen Jakobus von Compostela ausgezeichnet (hierauf verweist das rote Kreuz im Gemälde); das Porträt befindet sich noch heute im Hotel Kempinski (K-Lounge), neben einer Darstellung von Kaiser Karl VI.

Am 29. März 1764 fand sich im Hof Gravenbruch hoher Besuch ein: Kaiser Franz I., damals Gast beim Grafen Eugen Erwein von Schönborn, traf sich in Gravenbruch mit dem Landgrafen Ludwig von Hessen zu Beratungen. Im 18. Jahrhundert wurden umfangreiche Umbaumaßnahmen vorgenommen; 1720 wurde der Hof um ein Jagdschlösschen ergänzt. 1854 umfasste die Gemarkung eine Fläche von 1672 Morgen (davon 122 Morgen Acker, 67 Morgen Wiesen und 1436 Morgen Wald).

Kleine Randnotiz: Nach bisherigen Erkenntnissen haben Napoleon und Goethe nie Halt in Gravenbruch gemacht.

Die Herrschaft der kunstsinnigen und baufreudigen Grafen von Schönborn endete 1806, als das Gebiet des Schönborner Waldes mediatisiert und dem Fürstentum Isenburg innerhalb des Rheinbundes zugesprochen wurde. Nach dem Sieg über Napoleon und dem Wiener Kongress im Jahre 1816 wurde die Gravenbrucher Gemarkung dem Großherzogtum Hessen zugeschlagen.

1885 wurde dem Hof und dem Jagdschlösschen die Waldgaststätte „Forsthaus Gravenbruch“ angegliedert, die sich zur Jahrhundertwende zu einem beliebten Ausflugsziel des Frankfurter Adels und gut betuchter Bürger entwickelte. 1907/08 wurde das Forsthaus durch einen Saalbau und eine Reihe von Gästezimmern erweitert. Unter den jahrhundertealten Bäumen des Parks entstand zusätzlich eine Gartenwirtschaft.

Mit Ende des Ersten Weltkrieges wurde das Großherzogtum Hessen aufgelöst und der Schönborner Wald mitsamt der Hofanlage Teil des Volksstaates Hessen. Von 1920 bis 1929 gehörte Gravenbruch zur französischen Besatzungszone. Ende 1926 erhielt Gravenbruch seine erste Tankstelle, eine sogenannte „oberirdische Benzinzapfanlage mit unterirdischem Lagerbehälter von 1000 Litern Kapazität“, die durch die Rhenania-Ossag Mineralölwerke Aktiengesellschaft aus Düsseldorf errichtet wurde.

Am 24. Februar 1941 teilte der Bürgermeister der Gemeinde Heusenstamm, Franz Wessiepe, dem Direktor des Landesstatistischen Amtes mit, dass in der selbstständigen Gemarkung Grafenbruch drei Familien gemeldet sind. Im Zweiten Weltkrieg wurden der Hof und die umgebenden Waldflächen Ziel von insgesamt 14 Luftangriffen, die einer zum Schein angelegten Flakstellung und den umliegenden Verkehrswegen galten. Ein Bombenangriff am 20. Dezember 1943 traf das „Forsthaus Gravenbruch“ direkt und zerstörte oder beschädigte weite Teile des Anwesens. Am 26. März 1945 endete die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten auch für Gravenbruch und amerikanische Einheiten befreiten die Region südlich des Mains weitgehend kampflos. Kurz nach Kriegsende ließ Graf Rudolf von Schönborn die beschädigten Gebäudeteile im alten Stil wieder instand setzen, sodass der Restaurantbetrieb 1953 wieder starten konnte.

Am 1. April 1957 erfolgte nach langen Verhandlungen zwischen den Anrainerkommunen die Umgemeindung des Wohnplatzes Grafenbruch von Heusenstamm nach Neu-Isenburg. Mit Wirkung vom 1. Dezember 1963 wurde Gravenbruch als Stadtteil von Neu-Isenburg benannt.

Mit dem Bau der „Wohnstadt im Grünen“, die auf einer Idee des Offenbacher Bauunternehmers Rudolf Geßner fußte, wurde am 5. Dezember 1960 unter Federführung des Neu-Isenburger Architekten Alex Weber begonnen; das Gebiet wurde als reines Wohngebiet ohne Durchgangsverkehr geplant. Bereits am 29. März 1960 wurde an der B 459 gegenüber der Hotelanlage das Autokino Gravenbruch, das erste Autokino in Deutschland, eröffnet. Um den Stadtteil politisch zu erschließen, wurde ein Ortsbezirk mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher eingerichtet. Um den zentralen Platz herum, dem Dreiherrnsteinplatz, entstanden in den ersten Jahren eine katholische sowie eine evangelische Kirche, mehrere Kindergärten, ein Jugendzentrum, die Ludwig-Uhland-Grundschule, ein Verwaltungsgebäude mit Polizeistation, ein U-förmiges Ladenzentrum und eine Filiale der Deutschen Bundespost.

Im Stadtteil Gravenbruch lebten 1967 – wenige Jahre nach Baubeginn – bereits 7.321 Menschen; 2012 waren es 5.752, 2014 wieder 5.945, 2017 bereits 6.223, und aktuell im Jahr 2020 sind es mit steigender Tendenz mehr als 6.300 Einwohner.

1976 verkauften die Grafen von Schönborn den Hotel- und Gaststättenbetrieb „Forsthaus Gravenbruch“, womit die Kempinski AG die Leitung übernahm. Seither erfuhr der Gebäudekomplex zahlreiche Erweiterungen und Restaurierungen der alten Bausubstanz, womit der Erhalt der ältesten Gebäudestrukturen aus dem Jahre 1586 auf Neu-Isenburger Gemarkung gesichert wurde.

Im Frühjahr 2019 stellte der Stadtverordnete, Historiker und Grafiker Alexander Jungmann auf Anregung von Luka Sinderwald ein nicht amtliches Gravenbruch-Wappen vor, welches sich aus den Wappen der Grafen von Schönborn und dem bekanntesten Vertreter aus der Heusenstammer Linie, dem Erzbischof von Mainz Sebastian von Heusenstamm, zusammensetzt, um dem Stadtteil ein lang vermisstes Identifikationssymbol zu geben.

Im Sommer 2020 wurde der sogenannte Dreiherrnstein von 1730 – der mit den Wappen des Fürsten von Isenburg-Birstein, der Grafen von Schönborn und der Deutschordens-Commende Frankfurt der Namensgeber für den zentralen Platz in Gravenbruch ist – während der Bauarbeiten zur Neuerrichtung des Verwaltungsgebäudes am Dreiherrnsteinplatz in das Neu-Isenburger Stadtmuseum verbracht und soll dort dauerhaft seinen Platz finden.

Quellen: Wikipedia.de, Neu-Isenburg.de, Lagis-Hessen.de, GHK-Neu-Isenburg.de, Steine-in-der-Dreieich.de, offenbach.de, Stadtarchiv der Stadt Neu-Isenburg, Stadtarchiv der Stadt Heusenstamm und „Neu-Isenburger Geschichtsbuch“ von Dr. Heidi Fogel.

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