Kostenfalle Fernwärme in Gravenbruch: Tiefgreifender Wandel der EVO bringt drastische Preiserhöhungen und gefährdet den Standort

EVO Gebäude in Gravenbruch

Die EVO Energieversorgung Offenbach steht vor einem tiefgreifenden Wandel ihrer Wärmeversorgung. Rund 200 Millionen Euro will das Unternehmen in den kommenden Jahren investieren – das größte Wärmeprojekt in der Geschichte der EVO. Die Fernwärmeversorgung soll grundlegend umgebaut, fossile Energieträger sollen schrittweise ersetzt und neue Energiequellen erschlossen werden.

Für die Kunden hat dieser gewaltige Umbau allerdings eine sehr konkrete Konsequenz: Die Fernwärmepreise steigen drastisch.

Nach einer Preisreduzierung von rund vier Prozent im Oktober 2025 erhöht die EVO ihre Preise für einen Modellkunden mit durchschnittlichem Verbrauch ab Oktober 2026 um knapp 26 Prozent. Gegenüber dem Preisniveau vor der zwischenzeitlichen Senkung ergibt sich damit insgesamt ein Anstieg von rund 22 Prozent.

Was das für eine ganz normale Familie bedeutet, lässt sich an einem einfachen Beispiel verdeutlichen: Ein Fünf-Personen-Haushalt, der bislang rund 185 Euro im Monat für die Fernwärme bezahlt, müsste künftig mit etwa 225 Euro monatlich rechnen. Das sind rund 40 Euro mehr im Monat oder etwa 480 Euro im Jahr.

Für viele Familien ist das kein Kleingeld. 480 Euro zusätzlich pro Jahr müssen erst einmal verdient werden – und das in einer Zeit, in der ohnehin nahezu alles teurer wird.

200 Millionen Euro für die Energiewende – die Zeche zahlt am Ende der Kunde

Die EVO begründet die Preissteigerungen vor allem mit den enormen Investitionen in die zukünftige Wärmeversorgung. Rund 200 Millionen Euro sollen in den kommenden Jahren in das neue Wärmesystem fließen.

Die Wärmeversorgung von Offenbach, Heusenstamm, Dietzenbach und Gravenbruch soll dabei zunehmend auf regionale Energiequellen und unvermeidbare Abwärme setzen. Fossile Energieträger sollen schrittweise zurückgedrängt werden. Die Kohlenutzung soll aufgrund gesetzlicher Vorgaben eingestellt werden, das bestehende Kraftwerk am Offenbacher Nordring soll in den kommenden Jahren abgeschaltet werden.

Geplant sind unter anderem eine große Wärmepumpe mit mindestens zehn Megawatt Leistung sowie die Nutzung von Abwärme aus einem benachbarten Rechenzentrum. Auch bereits vorhandene Prozesse sollen effizienter genutzt werden. Durch technische Verbesserungen soll die nutzbare Wärmekapazität von derzeit rund 45 auf etwa 63 Megawatt steigen.

Auf dem Papier klingt das nach einer modernen und zukunftsorientierten Energieversorgung. Doch für den Kunden bleibt vor allem eines hängen: Die Rechnung wird höher.

Die EVO selbst räumt ein, dass die hohen Investitionen ein wesentlicher Grund für die steigenden Fernwärmepreise sind. Die Energiewende wird damit für die Verbraucher ganz unmittelbar spürbar – und zwar auf dem Konto.

Das umstrittene Abrechnungsmodell: Wer spart, verliert?

Neben der eigentlichen Preiserhöhung sorgt auch die Frage der Preis- und Abrechnungsstruktur für Unmut. Denn je höher verbrauchsunabhängige Preisbestandteile ausfallen, desto geringer ist der finanzielle Vorteil, den ein sparsamer Haushalt durch weniger Wärmeverbrauch tatsächlich erzielen kann.

Das Problem liegt auf der Hand: Wer Energie spart, sollte auch deutlich weniger bezahlen. Wenn jedoch ein großer Teil der Rechnung unabhängig vom tatsächlichen Verbrauch anfällt, wird genau dieser Anreiz abgeschwächt.

Für Verbraucher stellt sich deshalb die entscheidende Frage, wie sich die einzelnen Preisbestandteile künftig zusammensetzen und wie stark sich der eigene Verbrauch tatsächlich noch auf die Gesamtrechnung auswirkt.

Das Prinzip „Wer spart, verliert“ ist dabei mehr als eine zugespitzte Formulierung. Es beschreibt ein grundsätzliches Problem hoher verbrauchsunabhängiger Kosten: Der sparsame Verbraucher kann seinen Verbrauch reduzieren – seine Rechnung sinkt dadurch aber unter Umständen längst nicht in dem Maße, wie er es erwarten würde.

Wichtig ist allerdings: Die EVO-Pressemitteilung selbst behauptet nicht, dass künftig der tatsächliche Verbrauch keine Rolle mehr spielt oder ein dauerhaft hoher Grundpreis die Rechnung vollständig dominiert. Sie weist ausdrücklich darauf hin, dass die konkrete Preisveränderung vom jeweiligen Tarif und vom Verbrauchsverhalten abhängt.

Gravenbruch hat keine echte Ausweichmöglichkeit

Für die Bewohnerinnen und Bewohner von Gravenbruch ist die Situation besonders problematisch. Wer an das Fernwärmenetz angeschlossen ist, kann nicht einfach wie bei Strom oder Gas den Anbieter wechseln.

Das Fernwärmenetz ist eine lokale Infrastruktur. Wer daran angeschlossen ist, kann nicht ohne Weiteres auf einen konkurrierenden Fernwärmeanbieter ausweichen. Damit fehlt den Kunden genau das, was bei vielen anderen Energieprodukten selbstverständlich ist: echter Wettbewerb um den Verbraucher.

Der Kunde kann seinen Verbrauch beeinflussen – auf die grundlegende Preisgestaltung seines Versorgers hat er dagegen nur sehr begrenzten Einfluss.

Nicht umsonst beschäftigen die Preisgestaltung und Transparenz von Fernwärmetarifen Verbraucherzentralen und das Bundeskartellamt seit Jahren. Gerade bei lokalen Wärmenetzen stellt sich immer wieder die Frage, wie transparent die Preisbildung für die Kunden tatsächlich ist und in welchem Umfang sie sich gegen steigende Kosten zur Wehr setzen können.

Ein Beispiel für die Folgen der deutschen Energiewende?

Das 200-Millionen-Euro-Projekt der EVO steht stellvertretend für den billionenschweren Kraftakt der deutschen Energiewende. Deutschland soll seinen Energiesektor grundlegend umbauen. Fossile Energieträger sollen verschwinden, neue Technologien sollen sie ersetzen und gleichzeitig sollen die gesetzlichen Klimaziele eingehalten werden.

Doch die Rechnung für diesen Umbau landet nicht irgendwo im luftleeren Raum. Sie landet bei den Bürgern, bei den Unternehmen und bei den Kunden der Energieversorger.

Deutschland verursacht nicht einmal zwei Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen. Gleichzeitig baut China weiterhin Kohlekraftwerke, während weltweit der Energiebedarf weiter wächst.

Da drängt sich eine unbequeme Frage auf: Was bringt es dem Weltklima, wenn Deutschland seine Energieversorgung mit enormem finanziellen Aufwand umbaut, während die weltweiten Emissionen an anderer Stelle weiter steigen?

Unsere mühsam erkämpften Einsparungen werden global um ein Vielfaches wieder obendrauf gesetzt.

Während Deutschland seine Energieversorgung verteuert, geraten gleichzeitig die energieintensive Industrie und damit zahlreiche Arbeitsplätze unter Druck. Unternehmen überlegen, Investitionen zurückzustellen oder Produktionsstandorte ins Ausland zu verlagern. Die Abwanderung von Wertschöpfung ins Ausland hat längst begonnen.

Das ist der eigentliche politische Sprengstoff der Energiewende: Eine Politik, die Deutschland klimafreundlicher machen soll, darf nicht gleichzeitig die wirtschaftliche Grundlage des Landes zerstören.

Denn was nützt die schönste Klimabilanz, wenn industrielle Wertschöpfung, Arbeitsplätze und Wohlstand anschließend dort entstehen, wo Energie günstiger und Umweltstandards teilweise deutlich niedriger sind?

Die Fernwärmerechnung in Gravenbruch ist deshalb mehr als eine lokale Preisfrage. Sie ist ein konkretes Beispiel dafür, wie die deutsche Energiewende im Alltag ankommt: mit höheren Kosten, weniger Ausweichmöglichkeiten und einer Rechnung, die am Ende der Bürger bezahlen muss.

EVO informiert am 13. Oktober

Wer wissen möchte, wie die neuen Preise zustande kommen und wie der Umbau der Wärmeversorgung konkret aussehen soll, hat am Dienstag, 13. Oktober 2026, um 18:30 Uhr Gelegenheit, sich direkt von der EVO informieren zu lassen.

Die Informationsveranstaltung findet im Plenarsaal des Rathauses Neu-Isenburg, 1. Obergeschoss, Hugenottenallee 53, statt.

EVO-Vertriebsleiterin Anja Haag und Harald Hofmann werden dort die Preisgestaltung der EVO und den geplanten Umbau des Wärmesystems erläutern.

Für die Fernwärmekunden aus Gravenbruch dürfte dieser Termin von besonderem Interesse sein. Denn eines steht bereits fest:

Die Energiewende kommt – und sie wird für die Fernwärmekunden spürbar teurer.

Empfohlene Artikel