Wohlstand und technologische Souveränität lassen sich nicht herbeiregulieren. Warum Europas Kultur der Verhinderung den Gründergeist im Keim erstickt und uns strategisch ins Abseits treibt – ein Weckruf aus der Praxis eines traditionsreichen Industriezweigs.
Ein Kommentar von Alexander H. Jungmann
Wenn in Brüssel oder Berlin über Künstliche Intelligenz debattiert wird, klingt das meist nach einem abstrakten Zukunftslabor. Man sorgt sich um ethische Leitplanken, debattiert über philosophische Risiken und feiert den europäischen „AI Act“ als weltweiten Goldstandard der Regulierung. Aus der Perspektive der politischen Akteure hat Europa damit den globalen Takt vorgegeben. Blickt man jedoch aus der Praxis des deutschen Mittelstands auf diese Entwicklung, verfliegt die Berliner Euphorie im Handumdrehen. Was in den Amtsstuben als Schutz bejubelt wird, droht in der Realität zu einer technologischen Entwaffnung der heimischen Wirtschaft zu werden.
Ich stamme aus dem grafischen Gewerbe. Meine Familie ist seit zwei Generationen in der Druckindustrie verwurzelt – einem Sektor, in dem deutsche Unternehmen bis heute zur Weltspitze gehören. Als selbstständiger Grafiker arbeite ich täglich an der Schnittstelle zwischen Tradition und digitaler Moderne. Und ich erlebe im Sekundentakt, wie die generative KI und die moderne Automatisierung unsere Branche nicht nur verändern, sondern fundamental umpflügen.
Fortschritt entsteht dort, wo Freiheit, Geschwindigkeit und Kapital unbürokratisch zusammentreffen. In den USA greifen liquide Märkte und gigantische Recheninfrastrukturen wie Zahnräder ineinander. Dort peitschen Unternehmen neue Modelle innerhalb weniger Monate vom Labor auf die Bildschirme der Anwender. Wer so früh skaliert, verschafft sich strukturelle Vorteile, die später kaum noch einzuholen sind. Dass diese Entwicklung längst messbar ist, zeigt der Strategic AI Capability Index von KPMG: Die USA thronen mit 75,2 von 100 Punkten unangefochten an der Weltspitze. Europa schleppt sich mit mageren 48,7 Punkten über die Ziellinie – meilenweit abgeschlagen von der amerikanischen Dynamik.
Das liegt nicht an einem Mangel an kreativen Köpfen in Europa, sondern an einer tief sitzenden Kultur der Verhinderung. Wir glänzen mittlerweile vor allem in der Perfektionierung von Verboten. Gewiss sind verantwortungsvolle Regeln wichtig. Doch Gesetze allein schaffen weder Innovation noch Wohlstand. Während amerikanische Technologiekonzerne wie OpenAI, Google oder Microsoft Milliarden in Rechenzentren und agentische Systeme investieren, verharren europäische Anwendungen fast ausnahmslos im bürokratischen Pilotstadium. Start-ups und Soloselbstständige ächzen unter explodierenden Compliance-Kosten. Aus Sorge vor potenziellen Risiken ersticken wir den Gründergeist oft schon im Keim.
Besonders dramatisch wird diese Trägheit, wenn die eigentliche Wertschöpfung von der Hardware in die Software wandert. Der deutsche Maschinenbau genießt weltweit noch immer einen exzellenten Ruf – auch im Druckgewerbe. Doch die „Denkleistung“ der Maschinen, die Software, die sie steuert, wird längst nicht mehr in Stuttgart oder München programmiert, sondern in den Laboren des Silicon Valley. Diese Systeme unterliegen zunehmend den exportrechtlichen und sicherheitspolitischen Interessen ihrer Herkunftsstaaten. Europa läuft Gefahr, im Zeitalter intelligenter Maschinen vom stolzen Produzenten zum bloßen, abhängigen Konsumenten fremder Technologien degradiert zu werden.
Blicken wir fünf bis zehn Jahre voraus, steht für unseren Wirtschaftsstandort weit mehr auf dem Spiel als eine verpasste Technologiewelle. Bleibt der aktuelle Kurs unverändert, droht Europa bis Anfang der 2030er-Jahre in eine umfassende Abhängigkeit zu geraten. Traditionsreiche Schlüsselindustrien werden dann zwar weiterhin hochwertige Maschinen bauen und „Blechkleider“ fertigen – aber die entscheidende Intelligenz darin kommt komplett aus dem Ausland. Wer jedoch die Software kontrolliert, kontrolliert am Ende die gesamte Wertschöpfung.
Es ist höchste Zeit für ein Erwachen der Verantwortlichen in Deutschland und Europa. Wohlstand, Innovationskraft und technologische Souveränität lassen sich nicht herbeiregulieren. Wenn wir verhindern wollen, dass der europäische Mittelstand zwischen den USA und China zerrieben wird, brauchen wir keine neuen Formulare, sondern massive Investitionen in digitale Infrastruktur und vor allem: unternehmerische Freiheit. Man kann sich die Zukunft nicht verbieten lassen; man muss sie verdammt noch mal erarbeiten.
