„Es ist ein besonderes Gefühl, ein Gravenbrucher zu sein!“ Mit diesem Resümee schloss Herbert Hunkel die zweite Veranstaltung der Reihe „Schöner Wohnen in Gravenbruch“ am 25. Februar 2026. Und wer den Berichten der Zeitzeugen lauschte, verstand sofort, warum: Der Stadtteil ist weit mehr als eine Ansammlung von Gebäuden – er ist ein Ort gelebter Gemeinschaft, geprägt von Pioniergeist und einer Prise Eigensinn.

Die Pionierjahre: Leben zwischen Rohbau und Waldidylle

Wenn Gabriele Cahn-Schuhmacher an das Jahr 1963 zurückdenkt, sieht sie ein Gravenbruch vor sich, das noch in den Kinderschuhen steckte. Ihr Elternhaus glich eher einem Rohbau, und am Balkon fehlte schlichtweg noch das Geländer. Doch für die Kinder jener Zeit war dieser Zustand ein Paradies: „Der Wald war unser Spielplatz“, erinnert sie sich. Während ihr Vater, Rudolf Cahn, als frisch gewählter Stadtverordnetenvorsteher die Geschicke des Ortes im Parlament lenkte, gründete Gabriele mit Freunden die Geheimbande „Schwarze Hand“ und vergrub Schätze im Wald.
Die Romantik kam später auch nicht zu kurz, wenn auch mit pragmatischen Mitteln: Mit ihrem späteren Mann Wolfgang schlich sie sich durch Löcher im Zaun des Autokinos, wenn das Geld für den Eintritt gerade knapp war.
Lampions auf Erdhügeln und Fußballstars zum Anfassen

Wolfgang „Struppi“ Schuhmacher, der bereits 1962 als Kochlehrling im Forsthaus Gravenbruch arbeitete, blickte damals oft sehnsüchtig aus dem Küchenfenster auf die Jugendlichen am Badesee. Nach seinem Einzug wurde er selbst Teil dieser lebendigen Szene. Man feierte „Feten“ auf grasbewachsenen Erdhügeln hinter dem Schwimmbad, beleuchtet von Lampions und Lagerfeuern.
Der Stadtteil bot damals Orte mit fast schon legendärem Flair. In der Kneipe „Paulus“ traf man Schauspieler wie Roger Herbst, und in den „Dreiherrnstuben“ bei Franca konnte es passieren, dass man auf der Kegelbahn den Profis von Eintracht Frankfurt begegnete.
„Nichts war eingezäunt“: Die Freiheit der 70er und 80er

Christian Beck, geboren 1972, wuchs in der damals kinderreichsten Siedlung Deutschlands auf. Seine Kindheit war geprägt von grenzenloser Freiheit: „Nichts war damals eingezäunt“, berichtet er. Ob mit dem BMX-Rad oder beim Fußball auf dem Rasen vor den Häusern – der öffentliche Raum gehörte den Kindern.

Später verlagerte sich das Geschehen ins Jugendzentrum (JUZ). Unter der Leitung des legendären Sozialpädagogen Hans-Joachim „Hugo“ Dangeleit (1977–2017) herrschte dort ein besonderer Geist. Dangeleit setzte auf Eigenverantwortung statt „Wischi-Waschi“. Seine legendäre Disco-AG musste alles selbst organisieren – vom Thekendienst bis zum Putzen. Erst in den 90ern, als die Stimmung manchmal „aus dem Ruder lief“, wurde ein Security-Dienst zur Pflicht.
Vom „OF-Skeptiker“ zum Überzeugungstäter

Dass man erst zum Gravenbrucher werden muss, zeigt die Geschichte von Günther Bochmann. Als er 1987 als „eingefleischter Frankfurter“ herzog, graute ihm vor allem vor dem Offenbacher Kennzeichen. Doch die Gemeinschaft in der Sport- und Spielgemeinschaft (SSG) änderte alles. Heute ist er Vorsitzender des Vereins und betont den enormen Zusammenhalt im gesamten Stadtteil.
Ein Stadtteil mit Zukunft

Neben der Historie kam auch die Zukunft zur Sprache. Ein Highlight war die Vorstellung des Konzepts der Ludwig-Uhland-Schule durch Schulleiterin Linda Dörrschuck. Dass die Schule mit fünf Sternen ausgezeichnet wurde – der höchstmöglichen Anerkennung – zeigt, dass Gravenbruch auch heute ein exzellenter Ort für Familien ist.
Abgerundet wurde der Abend durch:
- Historische Filmdokumente: Ein beeindruckender 33-minütiger Film der Video- und Schmalfilmfreunde über die einstige Großbaustelle Gravenbruch.
- Regionale Schätze: Ein REWE-Schätzspiel offenbarte, dass der lokale Markt 426 regionale Produkte führt – Dr. Andreas Bohm tippte mit 450 fast eine Punktlandung.

Ein herzlicher Dank gilt Pfarrer Martin Berker und dem Team von St. Christoph für die Organisation dieses Abends, der einmal mehr bewies: In Gravenbruch wohnt man nicht nur – hier lebt man.

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