Über den Irrsinn des digitalen App-Zwangs und die Vertreibung der Menschen aus dem Alltag
Seit geraumer Zeit vollzieht sich in den Marketingabteilungen unserer Republik eine kollektive Gehirnwäsche, die uns klammheimlich als „fortschrittlich“ und „bequem“ untergejubelt wird. Die Rede ist von der uferlosen Schwemme an Kundenbindungs-Apps, dem dazugehörigen, nervenaufreibenden Wirrwarr an Nutzerkonten und der dreisten Verlagerung handfester Arbeit vom Anbieter hin zum Endverbraucher. Was uns als bahnbrechende Erleichterung verkauft wird, entpuppt sich bei genauer Betrachtung als erheblicher Raubbau an unserer Lebenszeit und als Ausschlussverfahren für all jene, die nicht bereit oder nicht in der Lage sind, ihr gesamtes Alltagsleben über ein Smartphone zu organisieren.
Vom König zum Sklaven der Self-Checkout-Kasse
Früher, in der dunklen analogen Vorzeit, war das Leben erschreckend simpel: Man ging in ein Geschäft, erwarb ein Produkt, bezahlte mit echtem Geld und ging wieder seiner Wege. Heute gleicht der banale Wocheneinkauf einer digitalen Schnitzeljagd für Elite-Pfadfinder. Kaum steht man an der Kasse, wird man vom Kassenpersonal – sofern überhaupt noch welches vorhanden ist – gefragt, ob man denn die hauseigene App besitze, fleißig Punkte sammle oder nicht doch endlich ein digitales Nutzerkonto eröffnen wolle. Wer sich verweigert, zahlt die „Analog-Steuer“, denn die echten Rabatte gibt es inzwischen oft nur noch im Tausch gegen die digitale Seele.
Es ist ein geradezu genialer wie unverschämter Schachzug vieler Konzerne: Aufgaben, für die früher geschultes Personal an der Theke oder am Schalter zuständig war, werden kurzerhand auf den Kunden abgewälzt. Wir sind inzwischen Datenerfasser, Ticketdrucker und Kassenpersonal in Personalunion. Natürlich vollkommen unentgeltlich. Man darf nun treu wie ein Schäferhund seine Einkäufe an der sogenannten Self-Checkout-Kasse selbst einscannen, während eine blecherne Stimme im Sekundentakt darauf hinweist, dass sich ein unerwarteter Artikel im Einpackbereich befindet. Herzlichen Glückwunsch: Sie haben sich gerade erfolgreich selbst bedient und dafür im Supermarkt auch noch den vollen Preis bezahlt.
Dass man für diesen grandiosen Service zusätzlich seine sensiblen Daten opfern und sich mit dem zehnten kryptischen Passwort für das nächste überflüssige Kundenkonto herumschlagen muss, wird vielerorts als selbstverständlich vorausgesetzt. Wer hier noch von Kundenservice spricht, verwendet den Begriff inzwischen in bemerkenswert großzügiger Auslegung.
Wenn das Display zum Endgegner wird
Doch während sich der technikaffine Nachwuchs vielleicht noch mit einem fatalistischen Schulterzucken durch dieses digitale Dickicht klickt, offenbart sich am anderen Ende der Demografie eine echte Tragödie. Es betrifft uns alle, doch besonders hart trifft es die älteren Generationen. Viele Senioren, die ein langes und arbeitsreiches Leben gemeistert haben, werden durch diesen App-Wahn zunehmend aus dem gesellschaftlichen Alltag gedrängt. Ein Smartphone zu bedienen, erfordert Feinmotorik und geistige Beweglichkeit – Fähigkeiten, die mit zunehmendem Alter ganz natürlich nachlassen können.
Wenn die Finger zittriger werden und die Sehkraft schwindet, wird das spiegelnde Display des Mobiltelefons schnell zum Endgegner. Da wird das fehlerfreie Treffen winziger Schaltflächen, Pop-ups und digitaler Kreuzchen zur nervenaufreibenden Zerreißprobe. Besonders unerquicklich wird es beim nächsten Software-Update: Nicht selten verändern neue Versionen vertraute Bedienabläufe so stark, dass Nutzer erneut umlernen müssen. Plötzlich ist man aus dem Konto ausgeloggt, soll eine Zwei-Faktor-Authentifizierung bestätigen oder einen Bestätigungscode eingeben, der irgendwo im digitalen Nirwana verschollen scheint.
Doch das Problem endet keineswegs bei den Senioren. Auch Menschen mit Sehbehinderungen, motorischen Einschränkungen oder Lernschwierigkeiten stoßen im digitalen Alltag regelmäßig an unsichtbare Mauern. Hinzu kommen all jene Bürger, die aus guten Gründen nicht bereit sind, für jeden Einkauf, jeden Parkplatz und jede Fahrkarte ihre persönlichen Daten preiszugeben oder ein weiteres Nutzerkonto anzulegen. Selbst technisch versierte Menschen fühlen sich zunehmend von der Flut aus Apps, Passwörtern, Sicherheitsabfragen und Zustimmungsfenstern erschöpft.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob digitale Angebote sinnvoll sind. Natürlich sind sie das oft. Die Frage ist vielmehr, warum sie immer häufiger zur einzigen zulässigen Lösung erklärt werden. Fortschritt sollte zusätzliche Möglichkeiten schaffen und bestehende Wege ergänzen. Er sollte niemanden ausschließen, nur weil dieser kein Smartphone besitzt, keines besitzen möchte oder mit der Technik schlicht nicht zurechtkommt.
Mobilität auf Widerruf
Es ist eine beschämende Ignoranz vieler Unternehmen, diese Menschen einfach links liegenzulassen. Ein älterer Mitbürger, der am Fahrkartenautomaten scheitert, weil dieser kein Bargeld akzeptiert und stattdessen stur auf eine App verweist, verliert ein Stück seiner Mobilität. Wer beim Parken mangels Kleingeldschlitz gezwungen wird, eine obskure Park-App herunterzuladen, wird schnell zum Regelbrecher wider Willen, wenn im entscheidenden Moment das Netz streikt oder die Anwendung versagt.
Die Betroffenen empfinden das kaum als Fortschritt. Es frustriert, demütigt und nimmt ihnen Schritt für Schritt die wohlverdiente Autonomie. Hier wird Barrierefreiheit im Rückwärtsgang betrieben. Hauptsache, die IT-Kosten sinken und die Datensammlung funktioniert reibungslos.
Zeit für die Rückkehr zur analogen Wahlfreiheit
Wo bleibt eigentlich die gegenseitige Rücksichtnahme und der Respekt vor dem Alter, die ein funktionierendes Miteinander ausmachen? Ein gutes Geschäft sollte sich dadurch auszeichnen, dass es dem Kunden das Leben leichter macht und nicht komplizierter. Die Tyrannei des Smartphones muss enden.
Ein wenig mehr analoge Wahlfreiheit, echtes Servicepersonal aus Fleisch und Blut und weniger digitaler Kontozwang würden unserem Alltag und dem gesellschaftlichen Frieden ausgesprochen gut zu Gesicht stehen. Denn eine moderne Gesellschaft beweist ihren Fortschritt nicht dadurch, dass sie möglichst viele Menschen digitalisiert, sondern dadurch, dass sie möglichst wenige Menschen ausschließt.
Es bleibt zu hoffen, dass bei den Verantwortlichen in den gläsernen Konzernzentralen baldmöglichst ein Umdenken einsetzt. Man sollte dort langsam erkennen, dass eine fehlerhafte App kein Ersatz für echten Service ist. Schließlich sollte es die vornehmste Aufgabe eines Anbieters sein, für alle Kunden da zu sein – und sie nicht zu unbezahlten, frustrierten Handlangern der eigenen IT-Abteilung zu degradieren.
Bis dahin bleibt der digitale Fortschritt für viele vor allem eines: ein Rückschritt.
